Adel
der
Altmark

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Altmark-Zeitung vom 19.3.2005
von Wilfried Rogge

Aus Ehrgefühl Gehorsam verweigert

General Carl Leopold Ludwig v. Borstell

Ehre, Ehrgefühl und Courage sind Werte, die in unserer Gesellschaft verloren zu gehen scheinen.Der Schinner General Carl Leopold Ludwig v. Borstell hielt an ihnen fest.

Carl Leopold Ludwig v. Borstell (1773-1844) war das fünfte von sechs Kindern des Generalleutnant Hans Friedrich Heinrich v. Borstell (1730-1804), Besitzer des Rittergutes in Schinne. Er wurde, wie der Großteil der Söhne des altmärkischen Adels, streng konservativ im Sinne der Wertvorgaben der preußischen Kultur erzogen. Wie schon viele seiner Vorfahren, Verwandten und Bekannten schlug auch er mit 15 Jahren die militärische Laufbahn ein und setzte so die Familientradition fort.

Er machte durch engagiertes Wirken und kluge Entscheidungen in den napoleonischen Kriegen schnell Karriere und wurde nach dem  Tilsiter Frieden am 9. Juli 1807 in die Kommission für die neue Organisation des preußischen Heeres berufen, zum Flügeladjudanten des Königs Friedrich Wilhelm III. bestellt und bereits 1812 zum Generalmajor befördert.

Eine Beurteilung in dieser Zeit charakterisiert ihn als einen hervorragenden Offizier, der “zu selbständigem Handeln und rascher Tat” neigt. Später wird er auch als “General der eigenen Faust” bezeichnet. Belegt ist dies durch das eigenmächtige Anknüpfen von Verhandlungen mit der englischen Regierung, um England als Verbündeten gegen Napoleon zu gewinnen, womit er sich die Missgunst des Königs zuzog. 1815 ist er als Generalleutnant Kommandeur des 2. preußischen Armeekorps unter dem Feldmarschall Gebhard Leberecht v. Blücher.

Blüchers Armee lag zu dieser Zeit in Belgien bei Lüttich, als auf dem Wiener Kongress die Teilung des Königreiches Sachsen beschlossen wurde. Friedrich Wilhelm III. erteilte daraufhin den Befehl, die sächsischen Truppen zu teilen. Bei der Umsetzung des Befehls durch Blücher, dem die sächsischen Truppen unterstanden, kam es am 2. Mai 1815 zum offenen Aufruhr, bei dem Blücher nur mit großer Mühe, von seinen Offizieren geschützt, entkommen konnte. Der Aufruhr wurde unblutig beendet und Blücher verfügte, dass die aufrührerischen Bataillone entwaffnet, die entehrte Truppenfahne des Sächsischen Gardegrenadierbataillons vor der Front verbrannt und die sieben Rädelsführer erschossen werden sollten.

Carl Leopold Ludwig v. Borstell erhielt von Blücher den Befehl, das Strafurteil zu vollstrecken. Er empfand das Urteil jedoch als zu hart und ersuchte Blücher, es zu mildern. Dieser beharrte jedoch darauf und befahl v. Borstell die sofortige Vollstreckung. V. Borstell empfand dies als “unehrenhaft” und verweigerte den Befehl, woraufhin ihn Blücher sofort suspendierte und wegen Befehlsverweigerung vor ein Kriegsgericht stellte. General v. Borstell wurde mit ausdrücklicher königlicher Bestätigung zu vierjähriger Festungshaft verurteilt und in die Festung Magdeburg überstellt. Sein Nachfolger, General v. Pirch, ließ Blüchers Strafurteil vollstrecken.

V. Borstell verweigerte, zudem im Kriege, nicht nur einen Befehl, was allein schon ein sehr schweres Vergehen war, er warf Blücher auch noch unausgesprochen vor, Unehrenhaftes befohlen zu haben - damals ein schwerwiegender Vorwurf.

Was jedoch nun folgte, ist sehr bemerkenswert und steht für ein Stück vergangener preußischer Kultur.

Währen v. Borstell in Festungshaft saß, setzte sich Blücher, der vom General so schwer belastet wurde, beim König für seine Freilassung ein. Er tat dies aus “Rücksicht für seine früher gut geleisteten Dienste”. Der König folgte Blüchers Bitte und erließ ihm, nach nur kurzer Haft, die Strafe, ernennt ihn zu Chef des 5. Westpreußischen Kürassierregimentes und gibt ihm das Generalkommando von Preußen.

Damals wurden also einmalige Fehltritte, die aus Courage und Ehrgefühl heraus begangen wurden, nicht mit einem Scherbengericht geahndet.

Ehrgefühl und Courage waren sowohl von Staat, demzufolge auch von der Gesellschaft gesetzte, anerkannte und gelebte Maßstäbe in der Zeit des so genannten Untertanengeistes. Diese Tugenden sind schon lange nicht mehr Maßstäbe unserer Gesellschaft, eher Relikte aus der Vergangenheit, allenfalls Floskeln.

Es könnte jedoch durchaus lohnen, sich dieser damals gelebten Maßstäbe ehrenwerten und couragierten Verhaltens zu erinnern, um den rapiden Werteverfall in allen Bereichen unserer Gesellschaft und die Aufgabe von Identität und Kultur zu stoppen.